Steffen Graupner – Polarsterntagebuch Teil 8

Steffen Graupner – Polarsterntagebuch Teil 8

Licht am Horizont
von Steffen Graupner
 

Aktualisiert: Feb 28

22. Februar 2020

88° 35’N

160 km bis zum Pol

175 km bis zur Dranitsyn

22 Uhr Bordzeit (20 Uhr Jena)

 

Licht! Nach fast zweieinhalb Monaten absoluter Dunkelheit haben wir – Wissenschaftler & Crew von Leg 2 – mit ergriffener Freude vor einigen Tagen den ersten zartorangefarbenen Schimmer von Licht am Horizont begrüßt. (Und mit „Licht am Horizont“ meine ich weder die Positionslichter der noch viiiiiel zu weit entfernten Kapitan Dranitsyn, noch den weniger als 24 Stunden währenden Lichtschein lebendiger Demokratie in Thüringen vom vorvergangenen Mittwoch, noch den Sieg des FC Carl Zeiss Jena gegen die Zwickauer…). Zentriert um den Höchststand der Sonne unterm Horizont, nach Bordzeit ist das 10 Uhr morgens, zeigt sich die Horizontlinie nun für einige wenige Minuten verändert. Das erste Mal fiel mir das Mitte vorletzter Woche auf. Wir haben anderthalb Kilometer entfernt vom Mutterschiff mit seiner starken Lichtemission an der „Dark Site“ Eiskerne gezogen mit dem BGC-Team von Ellen, Patric und Adela. Die Dark Site wird im Moment auch vom Mondlicht sehr schön erleuchtet. Auf der dem Mond gegenüberliegenden Seite unserer dramatisch von Eispressrücken überprägten Landschaft erschien am Horizont zunächst ein blassgrauer Streifen, der Minuten später zunächst einen gelblichen und dann rötlichen Saum ausbildete. Ellen, Patric und Adela waren tief in ihrer Arbeit mit den Eiskernen versunken und ich hatte mich bei der Bärenwache an der soeben über dem Horizont auftauchenden Venus erfreut und den Lichtschein zunächst gar nicht bemerkt. Als er deutlicher wurde, habe ich meinen Augen kaum getraut und noch eine Weile gewartet, um mir ganz sicher zu sein, ehe ich dem Team Bescheid gesagt habe und wir gemeinsam einige Minuten die Dämmerung bestaunen konnten. Wenn wir von Dämmerung sprechen als dem zwei Mal täglichen fließenden Übergang des Tageslichts zum Dunkel der Nacht, so unterscheidet man je nach Sonnenstand drei verschiedene Arten von Dämmerung. Entscheidend dabei ist der Winkel der Sonne unterhalb der Horizontlinie, denn auch wenn die Sonne schon lange unterm Horizont versunken ist, wird durch die Streuung des Sonnenlichtes an den höheren Schichten der Erdatmosphäre noch Licht zum Betrachter transportiert. Im Bereich von der Horizontlinie bis 6 Grad unterm Horizont sprechen wir von der „bürgerlichen Dämmerung“, die dadurch definiert ist, daß man im Freien noch lesen kann. Zwischen 6 und 12 Grad unterm Horizont befindet sich die Sonne bei „nautischer Dämmerung“, in der einerseits die Horizontlinie noch erkennbar ist und andererseits schon die ersten Sterne am Nachthimmel auftauchen. Von 12 Grad Sonnenstand unterhalb der Horizontlinie bis zur maximalen Dunkelheit der Nacht ab unter 18 Grad definiert man die „astronomische Dämmerung“. Die Dauer der jeweiligen Dämmerungsphasen ist eine Funktion von Jahreszeit und geographischer Breite – mit minimal kurzen Dämmerungsphasen am Äquator und maximal langen Phasen an den Polen. Das erste, für uns auf der Polarstern wie in den beiliegenden Fotos, sichtbare Licht fiel in den Bereich der nautischen Dämmerung. Doch nun geht es schnell, jeden Tag wird der blassgraue Streifen am Horizont breiter und vor allem länger sichtbar. Bei klarem Wetter erkennen wir die Dämmerung nun schon von der Brücke der hell erleuchteten Polarstern aus und wenn ich draußen im Freien an einer dunklen Stelle arbeite, kann ich mich einige Stunden an dem Lichtschein erfreuen. Je nachdem wie weit wir nach Norden driften – und ob wir dann noch auf der Polarstern sind, aber dazu später mehr – erwarten wir den ersten kurzen Sonnenstrahl um den 10.-15. März herum.

 

Nautische Dämmerung mit rötlich leuchtender Venus über dem Horizont:

 

Vielen, vielen Dank für die kompetenten Rückmeldungen von daheim zu meiner besorgten Frage, ob Wimpern nachwachsen würden! Dermatologisch bestätigt tun sie das wohl – wenngleich langsam. Puuuuh. Da hab ich nochmal Glück gehabt! Warum kann das Gleiche nicht auch fürs männliche Haupthaar gelten…?

Von der Arctic Soccer League gibt es wenig Neues zu berichten – die befindet sich in der Winterpause. Dafür gibt es gute klimatologische und sozialdynamische Gründe! Zum einen war es in den letzten Wochen wirklich recht schattig mit meist -40 bis -50 Windchill an den geplanten sonntäglichen Spieltagen (Di, Do, Sa sind ja schon besetzt mit Kneipenabend „Zillertal“, Mittwoch ist die „Northpole Skiing Society“, Freitagabend Kino). Und zum anderen sind die Emotionen am letzten Spieltag auf dem Fußballfeld so intensiv ausgelebt worden, dass wir beschlossen haben, für die nächste Zeit eher interaktive kommunikative Spiele miteinander zu teilen. Nicht, daß uns die Scholle beim Hochkochen des Fußballfiebers noch unter den Stollen davon schmilzt… Winterpause heißt dennoch nicht Untätigkeit! Spielervermittler dealen in geheimen Hinterzimmerrunden einige sich anbahnende Transfers. Als Währung hoch im Kurs stehen Erdnüsse, im bordeigenen Shop schon Anfang Januar ausverkauft, und Rittersport, die nun ob der sich verzögernden Nachlieferung durch die Dranitsyn nur noch rationiert abgegeben wird. Mit dem ersten Tageslicht hoffen wir, den Spielbetrieb für die Rückrunde aufnehmen zu können.

Die Eisscholle rings um die Polarstern ist für 100 Menschen temporäre Heimstatt – und dauerhafter Lebensraum für die Tierwelt der Arktis. Von daheim erreichen mich dazu viele Fragen und die allermeisten davon zu den Eisbären. Kinder interessieren sich für die Bärchen ebenso wie mein Freund Dr. Nikita Ovsyannikov, der russische „Eisbärenpapst“, der mir eine vielspaltige Exceltabelle mit auf die Reise gegeben hat mit der Bitte, unterwegs jede Eisbärenbegegnung detailliert in Wort und Bild festzuhalten. Während Leg 1 der MOSAiC-Expedition in den „niedrigeren Breiten“ von 85° – 86° Nord und der beginnenden Polarnacht von Oktober bis Dezember mit neun Eisbärenbegegnungen von etwa 10 verschiedenen Tieren (teils Mehrfachsichtungen) geradezu verwöhnt wurde, musste sich unser Leg 2 bislang mit einer einzigen Bärenbegegnung am 19. Januar begnügen. Das liegt zum einen an dem dichter gewordenen Eis, den hohen Breiten von nun 86° – 88° N und natürlich schlicht an der geringeren Sicht in dunkler Polarnacht. Für die Naturliebhaber und Fotografen sind die wenigen Bärenbegegnungen natürlich sehr schade – für die ungestörte wissenschaftliche Arbeit und das Logistikteam, das die Sicherheit dieser Arbeit verantworten muss, dagegen eher ein Segen. In der Nacht zum 19. Januar hat ein wahrer Gentleman von Bär die City von Remote Sensing besucht. Wir haben den Bären nicht einmal direkt gesehen, sondern erst in den frühen Morgenstunden auf Fotos einer automatischen Kamera entdeckt:

 

Bärenbesuch im Januar, copyrights AWI & Michael Gallagher:

 

Nachdem die Brücke auf den Bären aufmerksam wurde, haben zwei Mann vom Logistikteam mit Skidoos die City von RS aufgesucht, die Spuren des Bären von dort quer durchs Central Observatory verfolgt bis sie sich westlich der Dark Site verloren. Offensichtlich war der Bär nur auf der Durchreise. Zum Glück! Auf dem Bild der automatischen Kamera kann man einen jungen männlichen Bären erkennen, der neugierig mit den Radiometern spielt und eines davon auf seinem Sockel verschiebt und mit seinen Tatzen die Sensoren verdreht. Dabei war der Bär so „wohlerzogen“, dass er keinerlei Schaden angerichtet hat und nach wenigen Minuten schon weitergewandert ist. Auch die direkt benachbarten Hütten von RS oder Met City hat er komplett unbeachtet gelassen. Normalerweise sind Eisbären so unglaublich neugierig, und immer hungrig, dass sie jede Hütte eingehend von außen untersuchen und auch versuchen, hinein zu gelangen. Zumal, wenn es dort drin interessant riecht und keine der drei Hütten und vier Zelte von RS, Met City, Ballon Town, Ocean City und ROV City in irgendeiner Form in „eisbärensicherer“ Infrastruktur errichtet wurde. Das wird für die nächsten Legs 3-6 im Frühling und Sommer in südlicheren Gefilden sicher eine Herausforderung werden. Denn Eisbären richten in Hütten oft großen Schaden an. Schützen kann man sich davor nur, indem man die Hütten an potentiellen Schwachstellen wie Fenstern und Türen baulich ertüchtigt – mit Nägeln und Stacheldraht. Jedenfalls war unser Bärchen ein wohlerzogener wahrer Gentleman und hat keinerlei Schaden angerichtet. „Bärchen“ können wir bei diesem Eisbären tatsächlich mit Fug und Recht sagen, denn aus den Fotos und den vermessenen Spuren, 23 cm lang und 18 cm breit, kann man ableiten, dass es sich um ein 3-4 Jahre altes Männchen handeln muss.

Besonders spannend nun wird unsere Eisbärenbegegnung vom 19. Januar auf 87° 24’N in Zusammenhang mit einer nachfolgenden Tiersichtung am 4. Februar auf 87° 30’N. Den Vormittag hatte ich in ROV City verbracht mit Bärenwache und Hilfe für Julienne. Im auf leichte Plusgrade temperierten ROV Zelt galt es das 300 Meter lange und recht schwere Kabel des Unterseeroboters auf eine große Trommel aufzurollen. Nach getaner Arbeit saßen wir erschöpft mit einem Tee einen kurzen Moment in den Campingstühlen und haben meditativ schweigsam auf das ca. 2 m große Loch im Eis geschaut, durch das der Tauchroboter zu Wasser gelassen wird. Mit diesem würfelförmigen ferngesteuerten Roboter läßt sich unter Wasser ein Radius von 300 Metern abdecken – zur Vermessung der Eisunterseite, zum Ausbringen von Sedimentfallen (dazu wird von oberhalb des Eises ein Stab mit einer Öse am unteren Ende durchs Eis gebohrt und von unten mit dem ROV daran ein Sedimentsammelgefäß mit Karabiner eingehängt), zum Ziehen von Fischnetzen, zur visuellen Beobachtung der Eisbildung, zum Messen von Salzgehalten usw. Ein Team sitzt dabei in der ROV Hütte vor mehreren Computermonitoren und „fährt“ mit Joysticks den Roboter – und das andere Team wickelt im ROV Zelt die Kabel von und auf die Kabeltrommel und hebt mit einem Seilzugsystem den Roboter aus dem Wasser – zur Wartung und Anbringung der Sedimentfallen und weiterer Sensoren.

 

ROV Hütte / ROV / mit Julienne Stroeve im ROV Zelt, Loch im Eis für den Tauchroboter, Gestänge um den Roboter aus dem Loch zu hieven. Kabeltrommel für kombinierte Daten- und Stromleitung

Plötzlich taucht von unten eine Robbe in dem Eisloch auf. Mir fiel wirklich die Kinnlade herunter und ich konnte einen langen Moment nicht sprechen, habe nur ganz aufgeregt auf das Loch gezeigt um Juliennes Aufmerksamkeit auf unseren Besuch zu richten. Die Robbe ist in aller Seelenruhe einige Sekunden im Eisloch umhergeschwommen, hat uns angeschaut und die Lage inspiziert. Wahrscheinlich wollte sie vor dem Auftauchen und Atemholen sichergehen, dass kein Eisbär auf sie lauert. Als ich diese Begegnung dann festhalten wollte und nach der Kamera gegriffen habe, ist die Robbe abgetaucht, ehe ich sie fotografieren konnte. Entsprechend schwierig ist die Bestimmung der Robbenart. Das Tier war reichlich einen Meter lang, wohlgenährt und hatte mittelgraues bis hellgraues Fell mit dunklen Flecken darauf. Von dieser Morphologie her kämen Ringelrobbe und Largharobbe in Betracht. Da die Largharobbe allerdings eher in der östlichen Arktis, der Tschuktschensee, Beringsee und dem Ochotskischen Meer anzutreffen ist und generell weniger die komplette Eisbedeckung der Hocharktis liebt, spricht alle Wahrscheinlichkeit dafür, daß wir eine Ringelrobbe beobachtet haben. Ohne Foto wollten uns das die Kollegen abends im General Science Meeting nicht glauben, aber Julienne und ich waren uns absolut sicher. Erst als Christian heute mit dem ROV unter Wasser unsere Robbe (ok, vielleicht auch eine andere, aber es kann schon sein, dass diese Robbe zwei Wochen in der Nähe geblieben ist) gesehen und gefilmt hat, waren dann endlich die letzten Zweifel ausgeräumt.

 

Ringelrobbe gesehen mit der Kamera des ROV Tauchroboters, copyright Christian-Katlein:

Wow – die erste Robbe während der MOSAiC Drift! Im Vorfeld der Expedition gab es einige Diskussionen, ob man sich bei MOSAiC überhaupt so viele Gedanken über Eisbärensicherheit machen müsse, so viel Aufwand und Geld dahinein investieren muß. Ähnliche Diskussionen kamen auch in unserem ersten Monat an Bord der PS auf, da wir ja keinen Bären gesehen hatten. Die Argumentationskette läuft dabei meist so ab, daß es heißt: „Es kann keine Eisbären im Hochwinter in der Hocharktis geben, weil ihre Hauptnahrungsquelle Robben nicht mehr da sind. Und die Robben können den Winter hier nicht verbringen, weil alles Wasser meterdick zugefroren ist und sie keine offenen Atemlöcher haben!“ Während der über 40 russischen und sowjetischen Nordpol-Driftstationen wurden stets Eisbären gesichtet, wobei es dann immer schnell heißt, das wären „durchziehende Bären“, die den Weg nach Süden zum offeneren Packeis oder der Eiskante verpasst hätten. Unsere Beobachtung einer wohlgenährten Robbe ist nun ein starkes Gegenargument. Offensichtlich finden die Robben selbst im Winter auch jenseits der 87° N in einer für unser Auge vollständig zugefrorenen Eislandschaft mit Eisdicken von 1-2 m genügend offenes Wasser. Sei es, indem sie sich mit ihren scharfen Klauen die Atemlöcher unter Schneeisolation selbst frei halten und immer wieder frei kratzen, sei es, dass sie die sich ständig öffnende Risse und Rinnen nutzen. Und nicht nur Atemluft finden die Robben, sondern auch Nahrung. Ein Projekt der Eco-Gruppe von MOSAiC beschäftigt sich mit den Polardorschen bzw. den arktischen Dorschen und allen dazu noch offenen Fragen. Seit zwei Monaten versucht Giulia Castellani mit allen möglichen Leinen, Angeln, Ködern, …, ein paar Dorsche zu fangen – bislang erfolglos. Aber mit der Kamera des Tauchroboters können wir regelmäßig die kleinen Dorsche von maximal 17 cm Länge beobachten. Von den Dorschen leben die Robben. Und von den Robben wiederum die Eisbären. Diese aus dem Sommer und niedrigeren Breiten von unter 85° N bekannte Nahrungskette läuft also in ähnlicher, gleichwohl an Intensität reduzierter, Weise auch im Winter ab. Und genau deswegen ist Eisbärensicherheit auch im Februar am Nordpol ein ernstzunehmendes Thema!

 

Polardorsch gesehen mit der Kamera des ROV Tauchroboters, copyright: Christian Katlein:

Neben dem Eisbären und der Robbe stehen in meiner Exceltabelle zu den Säugetierbeobachtungen noch eine Handvoll Polarfüchse, die uns vor allem Ende Dezember besucht haben.

Giulia Castellani ist mehr am aquatischen Leben interessiert. Neben den oberflächennah lebenden Polardorschen ist das vor allem das Plankton als Grundbaustein allen biologischen Lebens in den polaren Gebieten. Mit Netzen verschiedener Maschengrößen fängt sie in allen Meerestiefen von der Oberfläche bis zum Tiefseegrund auf derzeit 4.423 m unter uns alles Leben vom Phytoplankton über das Zooplankton bis zu den Fischen. Plankton selbst ist unglaublich spannend, dazu vielleicht später einmal mehr. Giulias Fischzüge mit den Ködern an Angelhaken im Moonpool (Öffnung im Inneren der Polarstern, durch die man Zugang zum Meerwasser hat), dem CTD-Loch direkt an der Gangway (Sonden mit einer Vielzahl von Meßsensoren werden wöchentlich mehrmals bis zum Meeresgrund hinab gelassen), dem ROV-Zelt, einer langen Hakenleine die der Tauchroboter zwischen ROV City und Ocean City spannt, … waren bislang allesamt erfolglos. Trotz der Hilfe vieler Freiwilliger, die regelmäßig mit ihr angeln gehen. Entsprechend viel Spott musste sie sich seit Weihnachten anhören und noch mehr kreative Vorschläge, wie denn die Köder zu optimieren seien. Umso größer dann ihre Erleichterung, als sie letzte Woche mit ihrem ersten richtigen „Fang“ jubilierend durch die Labore gezogen ist:

Black Sea Snail, Fisch aus Giulias Netz, gefangen zw. 200-2000 m Tiefe:

Diesen Fisch hat Giulia aus einem Netz gezogen, das im CTD-Loch zwischen 200 und 2000 Meter Tiefe geöffnet war. Genauer läßt sich die Tiefe leider nicht bestimmen, aber offensichtlich handelt es sich bei dem Fisch um einen Tiefseefisch. Bestimmt keine Schönheit, aber umso spannender. Giulias erste Bestimmung lautet „Black Sea Snail“, wofür uns leider der passende deutsche Name fehlt.

Giulia Castellani, nach dem Außeneinsatz mit den Fischnetzen:

Über die Fischzüge verschiedener politische Glücksritter im Thüringer Landtag ist in den vergangenen zwei Wochen bei uns an Bord auch intensiv diskutiert worden – im ganzen Spektrum politischer Meinungen wie wir es eben auch daheim haben. Gleichwohl erscheint mir, für mich ganz persönlich, als ermögliche der räumliche und zeitliche und sensorische Abstand der „arktischen Raumkapsel Polarstern“ von meinem Heimatland Thüringen doch einen anderen und anders reflektierten Blick auf die Wahl des Ministerpräsidenten und ihre nachfolgende Annullierung. Und da befremdet mich zuallererst die unglaubliche Hektik einer in tagespolitischer Erregung hyperventilierenden Medienmaschinerie. Als zweites bestürzt mich das Demokratieverständnis von Politik und Medien, die nahezu unisono das Ergebnis zweier freier, geheimer und verfassungsrechtlich einwandfreier Wahlen, der Landtagswahl und der MP-Wahl im Landtag, nicht akzeptieren können und letztendlich rückgängig machen. Also unabhängig davon, wo man politisch steht und ob einem die zweifelsohne komplizierten Wahlergebnisse gefallen oder nicht, heißt Demokratie doch, daß man das Ergebnis einer demokratischen Wahl auch anerkennen muß. Und genau dieser freundliche Hinweis wurde 2014 ja reichlich und kostenfrei an diejenigen Thüringer gespendet, die wie ich nicht so besonders glücklich darüber waren, 25 Jahre nach der friedlichen Revolution 1989 nun im Landtag einen Ministerpräsidenten der SED-Nachfolgepartei gewählt zu wissen mit den ausschlaggebenden Stimmen zweier Stasi-Leute. Muss dieses Argument dann nicht auch jetzt gelten? Im Medienecho, das mich hier auf der Polarstern erreicht hat – täglich Tagesschau + Online-Zeitung der Reederei + Ostseezeitung und dazu die dankend erhaltenen Artikel der Freunde mit einem breiten journalistischen Querschnitt – habe ich nur einen einzigen für mich zustimmungsfähigen Kommentar gelesen. Interessanterweise stammt auch der von „außen“, aus der neutralen Schweiz mit ihrer jahrhundertealten Demokratieerfahrung seit dem Rütli-Schwur 1291. Benedict Neff schreibt am 5. Februar 2020 in der Neuen Züricher Zeitung: „Ist die Wahl von Thüringen ein Tabubruch, gar ein Skandal? Nein – das ist Demokratie.“ Und um die mache ich mir wirkliche Sorgen, wenn sie nämlich nur noch so lange gültig sein darf, wie sie zum „richtigen“ Ergebnis führt. Denn eine zentral aus Berlin orchestrierte sozialistische Dauerregierung ohne freie Wahlen mit einer Einheitskandidatenliste der „Nationalen Front“ (was für ein sarkastisches Wortungetüm in diesem Kontext; das gabs aber wirklich, und wer es nicht glaubt oder zu jung ist, ergoogle es bitte), das kommt mir irgendwie bekannt vor, das hab ich in meinem jungen Leben doch schon mal erlebt, wie hieß das denn gleich noch mal …? DDR? Deren Demokratieverständnis beschrieb der Erfurter Autor Nils Werner (30.01.1927- 28.08.1989) so wundervoll ironisch in seinen 1967 im Eulenspiegelverlag erschienenen Schmunzelversen und Spottgedichten „Herr Wenner und Herr Hätter“: „Der Wenner äußerte schwergewichtig, sein oberster Grundsatz sei der: tolerant, aber unnachsichtig, sei jemand anderer Meinung als er.“ Und eine Kanzlerin, die genau diese DDR lange genug selbst erlebt hat, kassiert dann „par ordre de mutti“– wundervolle Formulierung von Henryk M. Broder in der WELT – die Ministerpräsidentenwahl in einem so kleinen Bundesland wie Thüringen wieder ein? Bricht die Verfassung damit gleich doppelt durch Aussetzung des Föderalismusprinzips und Nichtakzeptanz demokratischer Wahlen? Puuuh, das macht mir echt Sorgen. Vielleicht bleib ich lieber am Pol?

Mein Aufenthalt am Nordpol könnte tatsächlich eine Weile länger dauern… als in meinem Arbeitsvertrag bis 05.03.2020 vorgesehen ist und in aller offiziellen Kommunikation zum Austausch von Leg 2 zu Leg 3 in den Medien transportiert wird. Viele Freunde daheim wähnten mich, den ursprünglichen Daten entsprechend, bereits auf dem Heimweg und fragten, wann wir die erste Bratwurst daheim teilen können? Das wird wohl noch ein wenig warten müssen. Mit selbstsicherer Rhetorik hatte die AWI-Logistik stets auf den seit Jahren geplanten 15. Februar als Ankunftstermin der Kapitan Dranitsyn bei unserer Polarstern verwiesen und per Dienstanweisung darauf gedrungen, daß wir die Vorbereitungen zur Übergabe von Leg 2 zu Leg 3 auf genau dieses Datum hin ausrichten. Und zwar unabhängig davon, wie gut die KD im ein- und zweijährigen Eis des arktischen Hochwinters vorankommt – was jeder geneigte Beobachter im „Marine Traffic Access Plus 24h“ (für 1,09 €/Tag) online nachverfolgen kann (Die Postition der Polarstern kann kostenfrei stündlich aktualisiert hier verfolgt werden: https://www.sailwx.info/shiptrack/shipposition.phtml?call=dblk). Gesagt, getan! So eine Übergabe bei einem solch gewaltigen Forschungsvorhaben mit pro Leg fast 60 Wissenschaftlern in einem halben Dutzend Arbeitsgruppen eine ziemliche Mammutaufgabe. Uns dafür zu stärken, haben wir am 08. Februar im Wetlab die „Abschlussparty Leg 2“ gefeiert. Genauer gesagt haben wir diese Party in Erwartung deutlicher Verzögerungen der KD bereits spitzbübisch „Abschlussparty Leg 2 version 1.0“ genannt. Zu dieser sehr schönen Feier hat das Küchenteam den Rost auf dem Arbeitsdeck aufgebaut und mit echter Holzkohle und leckerem Grillgut die Seele des Thüringers erfreut. Nach der Party war Aufräumen angesagt – im Wetlab genauso wie in allen anderen Laboren. Wir brauchen schlicht auch eine Menge Platz und Stauraum für die 50 Tonnen anvisiertes Material (Nahrungsmittel, Ersatzteile fürs Schiff, wissenschaftliche Instrumente) von der Dranitsyn. Und umgedreht gehen neben uns ca. 90 Menschen von Wissenschaft & Crew mit ihrem persönlichen Gepäck auch noch eine ganze Menge Proben und Instrumente retour auf die KD. Wichtig dabei natürlich, daß ein- und ausgehende Fracht bloß nicht durcheinander kommen und jede Kiste dann auch wirklich ihren korrekten Bestimmungsort findet. Zum Glück gibt es dafür ja Excellisten! Ab Montag dem 10. Februar lief die wissenschaftliche Arbeit also nur noch sehr reduziert. Stattdessen galt unser Hauptaugenmerk der Logistik. Neben dem Aufräumen und Zusammenstellen der Fracht heißt das natürlich auch, daß sich jedes Team sehr genau überlegt hat, wie es den Nachfolgern von Leg 3 die Messstellen auf dem Eis zeigen kann, Messroutinen erklären, Laborabläufe beschreiben usw. Bei der Übergabe von Leg 1 zu uns lief das genauso ab und die gründliche Übergabe der relevanten Prozesse ist eine wichtige Grundbedingung für das erfolgreiche Messen über den Jahresverlauf bei MOSAiC. Wir wollen auf alle Fälle den Nachfolgern von Leg 3 unsere Scholle und unser Schiff in einem so guten Zustand übergeben wie wir sie beides im Dezember von Leg 1 übernommen haben! Übergabe heißt auch, daß elektronische Datensysteme wie das Dship zu einem bestimmten Datum formal geschlossen und danach neu eröffnet werden müssen – und das gleiche gilt für die Inventur in den bordeigenen Shops für Hygieneartikel, Souvenirs, Süßigkeiten, Alkohol und die Begleichung der bis dahin aufkumulierten Rechnungsbeträge. (Und leider heißt es auch, daß danach der Shop und auch die Kneipe Zillertal erstmal bis auf weiteres geschlossen sind.) Mit all den Übergabevorbereitungen waren wir wunschgemäß zum Valentinstag am 14.02. fertig und haben vor geplanter Ankunft von Leg 3 am 15.02. noch schnell ein Gruppenbild vor dem Bug der Polarstern aufgenommen:

 

Gruppenbild Leg 2

Leider hält sich die Kapitan Dranitsyn auf ihrem Weg durchs Eis nicht ganz so zuverlässig an den ausgeklügelten Plan der AWI-Logistik wie wir Teammitglieder von Leg 2… Mit Erreichen der Eiskante am 05. Februar hat sich ihre Geschwindigkeit dramatisch reduziert. Kritiker sahen den als „shallow draught escort ice-breaker designed to operate in the Arctic Ocean entering northern Siberian deltas“ klassifizierten Eisbrecher stets als für den derzeitigen Einsatzzweck schlicht ungeeignet an bzgl. Maschinenleistung und Reichweite. Die Eisverhältnisse um uns herum entsprechen etwa dem Mittel der letzten Dekade mit den erwarteten 1,30 m Mächtigkeit beim einjährigen Eis und 1,80 m beim zweijährigen Eis. Am 08. Februar befand sich die KD noch 320 nm von uns entfernt und hat diese Distanz in der Woche bis zu ihrer geplanten Ankunft an der Polarstern am 15.02. auf 160 nm halbieren können. Selbst für diese Durchschnittsgeschwindigkeit von 0,9 Knoten muss die KD alle sechs Hauptmaschinen auf voller Leistung arbeiten lassen und verbraucht dafür auch die als langjähriger Erfahrungswert in den Datenblättern ausgewiesenen 85 Tonnen Treibstoff pro Tag. Eisbrechen ist wirkliche Schwerstarbeit für das Schiff – vor allem, wenn Eispressrücken durchstoßen werden müssen oder starker Wind das Eis unter hohem Druck komprimiert. Eispressrücken, die sich auf der geschlossenen Eisfläche als langgestreckte Strukturen von bis zu fünf oder mehr Metern Höhe abzeichnen, erreichen unter Wasser oft ein Vielfaches dieser Mächtigkeit. Im Eis um unsere Polarstern herum haben wir Eispressrücken mit mehr als 10 m Mächtigkeit erbohrt. Kommt ein Eisbrecher durch die geschlossene homogene Eisfläche noch mehr oder weniger gut, wenngleich langsam, voran, so zwingt ihn der Eispressrücken zum Aufstoppen, Rücksetzen, Schwung holen, Rammen. Und das Ganze eben genau so oft, bis der nur einen Schneeballwurf breite Eispressrücken durchstoßen wird. Schnell gehen dabei Stunden ins Land, ohne dass man vorankommt. Zudem stellt die Prozedur Mensch und Maschine vor kräftezehrende Herausforderungen. Dann merkt man eben auch, wieviel weniger Kraft und Masse ein leichter dieselelektrischer Eisbrecher wie die Dranitsyn mit ihren 24.000 PS gegenüber der Urgewalt von 75.000 nuklear erzeugten Pferdestärken einer „Yamal“ oder „50 Jahre des Sieges“ hat. Schnell müssen dann auch Reichweitenlimitationen in die Kalkulation mit einbezogen werden – ein begrenzter Tank mit Diesel/Schweröl erlaubt in schwerem Eis einfach einen geringeren Aktionsradius als eine Reaktorfüllung Uranbrennstäbe, mit der die nuklearen Eisbrecher der Arktika-Klasse fünf Jahre (!!!) lang autark im Eis unterwegs sein können. Zugegeben – wir machen es der KD auch nicht gerade leicht. Starke Südwinde der letzten zwei Wochen haben die Polarstern nach dem langen Verharren auf etwa 87° 30′ nördlicher Breite im Januar nun in tatsächlicher Windeseile bis 88° 34’N verdriftet und wir haben in dieser Zeit auch einige Strecke nach Westen zurückgelegt. Die Kapitan Dranitsyn ist uns dabei beständig „auf den Fersen“. Um das Eis mit seiner transpolaren Drift und den hohen Eisdrücken der Laptewströmung bestmöglich navigieren zu können, haben sich Kapitän und Eismeister der KD nicht für den direkten Weg von Tromsö zur PS entschieden, sondern sind zuerst nördlich von Franz-Josef-Land weit nach Osten gefahren, dann nach Norden abgebogen und hoffen nun in Richtung der transpolaren Drift mit zu surfen und eventuelle Rinnen im Eis nutzen zu können. Stand heute sind wir auf der Polarstern noch immer näher am Nordpol, als die Kapitan Dranitsyn an uns heran ist! In der letzten Woche ist die KD uns ganze 70 nm Meilen nähergekommen – hohe Eispressrücke der Februarstürme haben sie zwei Tage zum kompletten Aufstoppen gezwungen und die Durchschnittsgeschwindigkeit auf 0,4 kn gesenkt. Um trotz endlicher Treibstoffvorräte auf der KD den Wissenschaftlern von Leg 3 einige Arbeitszeit hier auf der Polarstern zu ermöglichen und unsere Besatzung von Leg 2 sicher nach Tromsö zu bringen, arbeitet das AWI weiter intensiv an verschiedenen Plänen „B“. Für den Fall, dass es die KD nur verzögert oder gar nicht zu uns schafft, sollen unsere Bord-Hubschrauber oder alternativ Flugzeuge der Typen „Twin Otter“ und „Basler“ oder ein weiterer zusätzlicher russischer Eisbrecher von Murmansk den Handlungsspielraum erweitern.

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